Unsere Vorgeschichte

Aufgeschlagenes Buch auf einer braunen Tischplatte vor weißer Wand
Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

Da ich hier ja auch über die Erfahrungen und Herausforderungen im Hinblick auf die psychische Erkrankung meiner Mutter schreiben möchte, vielleicht eine kleine Einführung vorab:

Meine Mutter ist „krank“ seit ich denken kann und noch länger…. Schon als ich noch sehr klein war, hatte sie ihren ersten Klinikaufenthalt, insgesamt im Laufe der Jahre drei oder vier. Die Diagnosen für ihre Erkrankung haben sich immer wieder verändert. Von Neurasthenie (=Nervenschwäche), über Endogene Depression hin zu Bipolare Störungen. Aktuell hat man sich auf blande Psychose geeinigt. Meiner Meinung nach trifft es das alles nicht so richtig. Ich habe aber natürlich leicht reden, denn ich muss ja auch keine Diagnose stellen.

Fakt ist: Meine Mutter war in den letzten 25 Jahren bei vielen Ärzten, hat Klinikaufenthalte hinter sich gebracht und hat bis heute in regelmäßigen Abständen Termine bei einer Ärztin für Psychotherapie. Seit ebenfalls etwa 25 Jahren nimmt meine Mutter Medikamente gegen ihre Krankheit, die mal besser mal schlechter helfen und die wahrscheinlich mittlerweile ebenfalls ihren Beitrag zur Krankheit geleistet haben.

Für meine Mutter bedeutet ihre Krankheit, dass sie zwar alleine Leben kann, jedoch auf regelmäßige Betreuung angewiesen ist, dass sie in 19 von 20 Fällen zu spät kommt – und zwar so richtig zu spät, dass sie Ewigkeiten braucht, um ihre Wohnung zu verlassen, weil sie immer wieder überprüfen muss, ob alles aus ist, und ob sie alles eingepackt hat. Dabei meine ich nicht die üblichen Verdächtigen: Handy, Geld, Schlüssel, Taschentücher, sondern: Zeitschrift A, Zeitschrift B, ein bis zwei Bücher, den Kreuzworträtsel-Block, Stifte, einen Kamm, diverse Hygieneartikel, ein Portemonnaie mit Kleingeld und ein größeres für den Rest. Ein kleines Mäppchen mit Bildern, das neue Handy und zur Sicherheit noch das alte, noch ein Halstuch und ein Schal, ein Tütchen Cappuccino und ein paar Tütchen Zucker etc. Aufgrund all dieser Dinge geht meine Mutter meistens nicht nur mit einem kleinen Rucksack oder einer Handtasche vor die Tür, sondern schleppt auch noch ein bis zwei Beutel mit sich rum. Für mich klingt das nach Chaos, für sie hat das glaube ich alles System.

Die Krankheit bedeutet für meine Mutter außerdem, dass sie von vielen Menschen nicht ernst genommen wird, dass sie viele Dinge nicht schafft, die sie sich vornimmt oder sogar verspricht zu tun, weshalb sie sich dann meistens in Notlügen verstrickt und andere Menschen enttäuscht werden, und auch, dass meine Mutter häufig als letztes konsultiert wird was Geburtstage, Feiertage, oder schlicht den Informationsfluss von Neuigkeiten angeht, einfach weil mit ihr zu planen Aufwand und oft leider auch Enttäuschung bedeutet. Oder weil man denkt, dass sie mit den News möglicherweise ohnehin nichts anfangen kann und sie ja eh so in ihrer eigenen Welt lebt…

Für mich bedeutet die Erkrankung meiner Mutter, dass wir schon sehr früh die Rollen getauscht haben, ich die Mutter-Rolle übernommen habe und sie dem Kind ähnelt. Dementsprechend hatte ich in ihr nie die Mutter, dich ich gebraucht hätte. Ich kann sie oft nicht richtig ernst nehmen. Ich habe oft keine Geduld mit ihr. Ich erzähle ihr oft viele Dinge gar nicht erst. Ich habe mir schon oft am Telefon ihre Sorgen angehört und nach 45 Minuten Telefonat festgestellt, dass es kaum um mich ging. Ich musste viele Dinge sehr früh lernen, von denen ich heute zwar profitiere (z.B. kochen, mich organisieren, Haushalt schmeißen etc.), mit denen ich mir aber auch hätte etwas mehr Zeit lassen können. Die Krankheit bedeutet für mich außerdem, dass ich im jungen Teenageralter von zu Hause ausgezogen bin, weil ich mich so sehr nach einer „normalen Kindheit“ gesehnt habe und die Last zu Hause einfach zu groß wurde. Sie bedeutet außerdem, dass ich schon immer ein absolutes Papa-Kind war.

Und dabei muss unbedingt gesagt sein: Ich weiß und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass meine Mutter von ganzem Herzen gerne die perfekte Mama gewesen wäre, die morgens schon vor den Kindern aufsteht und Brote schmiert, die immer pünktlich das Essen auf dem Tisch hat, den Kindern bei den Hausaufgaben hilft und die von ihren Kindern verehrt und bewundert wird. Und, dass wenn sie uns enttäuscht oder anlügt, sie in keinster Weise böswillig oder gar berechnend handelt sondern flüchtet, weil sie tief im Inneren weiß, dass sie ein weiteres Mal nicht geschafft hat, was sie doch so gerne schaffen wollte. Sie ist ein herzensguter Mensch. Würde immer ihr letztes Hemd geben und war in manchen Momenten schon größer, als ich es vielleicht jemals sein werde.

Ich habe bis heute nicht herausgefunden, wo ich meine Mutter noch mehr fordern kann und wo sie tatsächlich einfach überfordert ist. Ich weiß, dass sie unter Druck blockiert, aber sie in völliger Freiheit ebenso untergeht. Ich habe mich schon oft über sie aufgeregt, schon viele Tränen der Wut und Enttäuschung vergossen und immer wieder gehofft und Dinge erwartet. Einige wenige Male hat sie mich auch schon sehr positiv überrascht und zu Tränen gerührt mit Dingen, die ich ihr einfach nicht zugetraut hätte. Ich verstehe vieles noch immer nicht, aber ich glaube endlich verinnerlicht zu haben, dass es keinen Sinn macht, mich aufzuregen. Und das ist nach über 25 Jahren ein guter Schritt in die richtige Richtung.++

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