Mama, ich werde Mama

positiver Schwangerschaftstest

Es gibt ja Frauen (oder auch Männer) die mit ihren Müttern best friends sind. Mit der Mama in den Urlaub fahren und mehrmals die Woche die vertraute stimme ans Telefon holen, um die Geschehnisse des Tages zu bequatschen. Bei mir ist das nicht so. Wenn ich dringenden Mitteilungsbedarf habe oder einen Ratschlag brauche, wähle ich die Nummer meiner besten Freundin oder schicke ihr völlig aufgekratzt eine Sprachnachricht: „Huhu Süße. ich komme gerade vom Arzt, guess what…“

Ich habe ein paar gute Freundinnen und Freunde, die für mich wie Familie sind und mit denen alles brühwarm besprochen wird. Als ich herausfand, dass ich schwanger war, konnte ich meiner Mutter wochenlang nicht davon erzählen. Und das obwohl ich wusste, dass sie vor Freude ausflippen würde. Oder gerade deswegen? Ich hatte es schon meinem Vater erzählt, die Schwiegereltern wussten Bescheid und auch der Großteil des Freundeskreises war informiert, aber meiner Mutter konnte ich es einfach nicht erzählen. Es kam mir einfach nicht über die Lippen. Wie eine inneren Blockade, die jeden Versuch direkt abprallen ließ.

Ich hatte ja schonmal erwähnt, dass meine Mama Babys LIEBT! Und das ist wahrscheinlich noch völlig untertrieben. Bei Babys und kleinen Kindern geht ihr einfach das Herz auf. Selbst wenn ich ihr von Freundinnen erzähle, die Kinder bekommen haben, fragt sie in regelmäßigen Abständen, wie es den kleinen Mäusen geht, ob sie schon krabbeln/laufen/sprechen etc. Obwohl sie diese Kinder noch nie gesehen hat. Ist ja eigentlich auch was total schönes, aber ich kann das ehrlich gesagt nur schwer ertragen, weil es bei ihr IMMER um früher und Babys geht. Sie fragt selten mal, was im Moment so ansteht, was uns bewegt. Tatsächlich glaube ich, dass sie viele gegenwärtige Zusammenhänge nicht versteht und deswegen vielleicht lieber gar nicht erst fragt?! Sie kann schwer ermessen, was ein Studium bedeutet, Hausarbeiten schreiben, sie hat keinen Blick dafür, was es bedeutet, zuverlässig zu sein und welche Konsequenzen es haben kann, wenn man es nicht ist. All diese Dinge sind ihr fremd, und spielen in ihrer Welt keine große Rolle. Aber Babys!!! Wenn es um Babys geht, da kann sie mitreden, und deshalb spricht sie wahrscheinlich auch so gerne darüber.

Bei jeder sich bietenden (oder auch eher nicht bietenden) Gelegenheit werden bis heute irgendwelche Anekdoten von mir oder meiner Schwester rausgeholt, von der Zeit als wir Babys/Kleinkinder waren. Das ich immer an die Blumenerde wollte und meine Schwester eines Mittagsschlafes völlig unerwartet die Musik ohrenbetäubend laut gedreht hat. Und sie liebt diese Geschichten. Auch heute, Jahrzehnte später, kann man ihr förmlich ansehen, wie sehr sie beim Erzählen den längst vergangenen Moment durchlebt und wie viel Freude ihr diese Zeitreise bringt.

An sich ist das ja auch nicht verwerflich. Aber ich denke so oft, dass Ema irgendwie in dieser Zeit stecken geblieben ist. Wenn irgendwo kleine Kinder auftauchen, fängt sie sofort an, von uns zu erzählen. Sie hat mein erstes Kuscheltier bis heute aufgehoben (und auch einige derer, die danach kamen), und zwar nicht in irgendeiner Kiste im Keller, sondern aufgereiht auf dem Sofa, inmitten seiner Artgenossen. Warum hebt sie die Dinger noch immer auf? Und wo ich jetzt so darüber nachdenke: Vielleicht, weil so viele Erinnerungen an den flauschigen Begleitern hängen? Weil sie sich nicht verändern und irgendwann das Haus verlassen? Weil Ema in ihnen etwas sieht, dass ihr von den Babys und kleinen Kindern, die wir mal waren, noch geblieben ist?

Aber zurück zu meiner Schwangerschaft. Ich war weit über das erste Drittel hinaus, als wir mal wieder telefonierten und ich nach 45 Minuten endlich mit der Sprache rausrückte. Ich weiß es noch wie heute. Unser Gespräch war am Ende angekommen und wir hatten einen Moment der Stille, als ich mir ein Herz fasste und sowas sagte wie: „Du wirst übrigens Ende des Jahres Oma.“ Und sie war natürlich völlig baff: „Was? Jetzt wirklich? Wahrscheinlich bist du noch ganz am Anfang? Hast du schon einen Mutterpass? Wie sehen die denn eigentlich heute aus? Meiner war damals…“

Und wie erwartet kamen Fragen über Fragen mit denen ich einfach nicht umgehen konnte. Ich wollte nicht, dass sie fragt und wollte auch nichts erzählen. Jetzt gab es endlich ein Thema, wo sie mitreden konnte und ich konnte es kaum ertragen. Ich war diese Fürsorge von ihr einfach nicht gewohnt, hatte Jahre lange darauf gewartet und jetzt, wo ich gut damit umgehen konnte, dass es sie eben nicht gab, diese Fürsorge, wurde ich damit überschüttet.

Ich hab wochenlang einen inneren Kampf ausgetragen. Ein Teil von mir wollte und konnte einfach nicht mir ihr über meine Schwangerschaft reden und ein anderer Teil sah, wie glücklich sie über das Baby in meinem Bauch war. Wie sehr sie mitfieberte und welche Pläne sie schmiedete, was sie alles mit dem Enkel unternehmen wollte. Ich habe oft nichts erzählt, auf ihre Fragen nur knapp geantwortet – nein mir ist nicht mehr übel, die 12. Woche ist doch längst vorbei; ist doch egal, wie der Mutterpass heute aussieht; nein, ich habe keine Heißhungerattacken – und habe mich manchmal doch überwinden können, ihr ein Ultraschallbild zu zeigen oder sie anzurufen, wenn ich auf dem Heimweg vom Frauenarzt war.

Ich versuche noch immer zu verstehen, was mich so blockiert hat. Warum fiel es mir so schwer, diesen besonderen Abschnitt mit ihr zu teilen, obwohl ich ja wusste, dass sie jedes bisschen Information aufsaugen und sich maßlos darüber freuen wird. Warum wollte ich ihr diese Freude vorenthalten? Warum konnte ich ihre Freude so schlecht ertragen? War es mein Stolz? Jetzt habe ich es jahrelang geschafft, ohne deine Hilfe auszukommen, da brauchen wir jetzt auch nicht mehr damit anzufangen. Wollte ich das Baby in mir vor den Enttäuschungen schützen, unter denen ich gelitten habe und konnte deshalb nichts preisgeben? Diese eine Sache, die sie auf jeden Fall mit mir teilen hätte können, in der sie mich 100% nachempfinden würde, wollte ich ihr nicht geben. Aber warum?

Es fällt mir noch immer schwer. Aber ich will ihr die Chance geben, eine gute Oma zu sein. Weil sie das auch wirklich gerne möchte. Ich hoffe, dass Ema ihre Chance nutzt. Mein Sohn muss sich irgendwann selbst entscheiden, wie eng er mit seiner Oma sein möchte, da will und kann ich nicht dazwischen funken.++

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