Die Kunst einfach mal nichts zu tun

Frau mit Smartphone und Kerze in der Hand. Neben einer Pflanze sitzend.
Photo by Thirdman on Pexels.com

Wann war dir das letzte Mal so richtig langweilig? Erinnerst du dich noch daran?

Weißt du auch noch, was du gegen deine Langeweile unternommen hast? Hast du möglicherweise dein Smartphone zur Hand genommen und dann beim Scrollen auf Facebook, Instagram, Pinterest und Co. völlig die Zeit vergessen? Kommt dir das bekannt vor?

Langweilig ist mir eigentlich selten, was aber unter anderem daran liegt, dass mir mein Smartphone in die Quere kommt, bevor die Langeweile die Gelegenheit hat sich breit zu machen. Und das, obwohl ich weder einen Instagram- noch einen Facebook-Account habe.

Ich scrolle durch die Nachrichten, schaue mal bei Kleinanzeigen vorbei, schaue ein Youtube-Video und dann direkt noch eins, weil die Vorschläge der Plattform so spannend klingeln und natürlich genau zu meinen Interessen passen. Und dann ist eine halbe Stunde vergangen und ich ärgere mich richtig über die verlorene Zeit.

Hättest du's gewusst?
Im Durchschnitt 88 Mal am Tag schauen wir aufs Smartphone. Davon entsperren wir es ganze 53 Mal. Meistens öffnen wir dann Whatsapp, Facebook und andere Messenger, denn über die digitale Kommunikation mit unseren Freunden und Kollegen erhalten wir die Aufmerksamkeit, nach der wir uns sehnen. Insgesamt drei Stunden am Tag haben wir das Gerät in der Hand. (Healthy Habits)

Gelangweilt das Smartphone in die Hand nehmen ist also die eine Sache. Dann kommt da aber noch etwas anderes hinzu: Nämlich das Gefühl, jede Sekunde meiner Zeit sinnvoll und effektiv nutzen zu müssen.

Zeit effektiv nutzen wollen

Zeit ist kostbar, die kann ich doch nicht einfach so verplempern. Sobald der Mole in der KiTa ist, räume ich zu Hause die Küche auf, stelle Wäsche oder die Spülmaschine an, Staub wischen, saugen, Müll rausbringen. Hab ich das erledigt, wird noch ein bisschen die Wohnung aufgeräumt, eingekauft, Kleider zur Kleiderspende gebracht, Blumen umgetopft, trockene Wäsche abgehangen, ein paar Mails beantwortet, Mittagessen vorbereitet und dann hole ich den Mole auch schon wieder aus der KiTa ab.

Nicht nur, dass ich bis dahin eigentlich noch gar nichts für mich getan habe; ich habe noch nicht mal die Zeit gehabt, 10 Minuten einfach nur da zu sitzen und in Ruhe einen Kaffee zu trinken und aus dem Fenster zu schauen.

Der Vormittag ist also eigentlich schon stressig genug. Jetzt kommt jedoch noch folgendes hinzu: Um meine Zeit wirklich effektiv zu nutzen, jede Minute so gut wie möglich auszukosten und den größt möglichen Nutzen aus jeder Sekunde rauszuziehen, habe ich mir angewöhnt beispielsweise beim Wäsche abhängen nebenbei ein Hörbuch zu hören, oder noch besser, einen Podcast, bei dem ich vielleicht sogar noch was neues über Nachhaltigkeit, die Flugzeuge der Zukunft oder die Entwicklung von Grippeimpfstoffen lernen kann.

Boah fühlt sich das gut an. Ich habe richtig was geschafft. Und ganz nebenbei noch ein Buch gelesen oder mich weitergebildet. Spitze. So liebe ich das!

Tatsächliche versuche ich eigentlich IMMER meine Zeit so effizient wie möglich auszukosten: Ich gehöre zu den Menschen die beim Spazierengehen telefonieren, beim Autofahren ein Hörbuch hören und vor dem Fernseher Wäsche zusammenlegen. Beim Spülen oder Kochen höre ich Sprachnachrichten ab oder nehme welche auf. Bei sämtlichen physischen Tätigkeiten gönne ich mir noch die Extraportion auditiven oder visuellen Input – oder sollte ich eher sagen, ich zwänge ihn mir auf?

Denn wo ich so darüber nachdenke, löst allein der Gedanken eine innere Unruhe bei mir aus. Da ist ja keine Minute Zeit mal einen klaren Gedanken zu fassen, es sei denn, die Gedanken schweifen ab, was dann allerdings bedeuten würde, dass ich mir den auditiven Input auch gleich schenken kann?!

Und wenn ich dann wirklich mal ein Momentchen Zeit finde, Zeit ganz für mich alleine, dann weiß ich oft gar nicht, was ich machen soll. Ist doch absurd!

Ich habe so viele Ideen und dann hat doch alles irgendwie einen Haken, sodass ich am Ende vor lauter nachdenken und abwägen dann gar nichts machen. Alle Gedanken völlig umsonst. Da hätte ich auch direkt ganz bewusst einfach mal nichts tun können.

Die Alternative zu diesem Szenario ist folgende: Ich bin so platt (vielleicht auch gerade aufgrund der ständigen „Doppelbelastung“?) , dass mir eigentlich alles zu anstrengend ist und ich einfach nur am Handy versacke, worüber ich mich hinterher (siehe oben) auch wieder ärgere. Plus, auch mit simpler „Handyspielerei“ ist der Kopf ja trotzdem beschäftigt und es fehlt wieder die Zeit zum Durchatmen.

Also, Zeit zum Durchatmen und wirklich entspannen muss her!!

Ist weniger mehr?

Wäre es dann nicht vielleicht schlauer, ich würde die Zeit beim Auto- oder Zugfahren einfach nutzen, um die Gedanken kreisen zu lassen und beim Spazierengehen einfach die Gegend anschauen und die Natur bestaunen? Sollte ich nicht beim Töpfe Abwaschen lieber den Moment genießen und in Tagträume versinken? Dann könnte ich mir die Hörbücher, den Podcast oder vielleicht sogar mal ein richtiges Buch für die freie Zeit aufheben und mich dann so richtig darauf einlassen?!

Und überhaupt, würden wir uns nicht alle etwas Gutes tun, wenn wir uns nur 10 Minuten am Tag nehmen würden, in denen wir einfach mal gar nichts tun? So rein gar nichts. Auf dem Balkon sitzen und in die Wolken schauen, auf dem Sofa sitzen und die Wand anstarren. Ohne Smartphone, ohne Hintergrundgeräusche, ohne Ablenkung jeglicher Art. Einfach nichts tun.

Vielleicht würde das mal den Druck aus dem Alltag nehmen. Vielleicht würde sich das Gefühl von Ich nutze meine Zeit nicht effektiv genug zu Wow ich habe endlich wieder Zeit zum Nachdenken und Ideen spinnen verwandeln?! Vielleicht hätte ich auch gar nicht mehr das Gefühl, ständig keine Zeit zu haben. Vielleicht könnte ich die Hektik einfach gänzlich aus meinem Alltag rausziehen und trotzdem genauso PRODUKTIV sein?!

Das Handy am Vormittag mal im Flugmodus lassen, oder auch nur die mobilen Daten ausmachen. Ruhe einkehren lassen. Auf die Stille hören. Das Hier und Jetzt genießen.

Vielleicht trägt Nichtstun sogar zum Glücklichsein bei?

Nichtstun

Die Dänen galten viele Jahre als glücklichstes Volk der Erde. Seit einigen Jahren sind es die Finnen. Aber auch andere nordische Länder sind seit vielen Jahren immer wieder ganz oben auf der Liste der glücklichsten Länder der Welt dabei.

Es sind auch die nordischen Länder, die für ihr Hygge (Dänemark), ihr Lagom (Schweden) und ihr Niksen (Niederlande) bekannt sind. Alles Zufall oder was?

Besonders beim Niksen geht es tatsächlich einfach darum, nichts zu tun. Einfach irgendwo abhängen, in der Gegend herumschauen oder Musik hören. Entscheidend sei dabei, dass NICHT ein Zweck oder eine Absicht verfolgt wird, dass man nicht versucht mit dem was man tut produktiv zu sein. So steht es in diesem Artikel aus der TIME (hier ins Deutsche übersetzt).

Lass es uns doch mal ausprobieren. Ich wette es fällt uns schwerer als wir uns jetzt gerade vorstellen können.

Nimmst du dir Zeit für Alltagspausen? Sitzt du auch mehr am Smartphone als dir eigentlich lieb ist? Was sind deine Methoden, das Meiste aus deiner Zeit herauszuholen?

Viel Spaß beim Nichtstun 🙂

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Hier noch eine Definition von HYGGE
It literally only requires consciousness, a certain slowness, and the ability to not just be present – but recognize and enjoy the present. That’s why so many people distill ‘hygge’ down to being a ‘feeling’ – because if you don’t feel hygge, you probably aren’t using the word right.

Another definition of hygge is “an art of creating intimacy” (either with yourself, friends and your home). While there’s no one English word or simple definition to describe hygge, several can be used interchangeably to describe the idea of hygge such as cosiness, charm, happiness, ‘contentness’, security, familiarity, comfort, reassurance, kinship, and simpleness.
 
von hyggehouse.com

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