Mit Verhaltensweisen umgehen (lernen) #2

Briefumschlag auf der Ecke eines Tisches, mit rotem Wachs versiegelt.
Photo by John-Mark Smith on Pexels.com

Wo waren wir stehengeblieben? Genau, …Verhaltensweisen. Mit ihnen umgehen lernen. Falls das überhaupt geht…

Obwohl folgendes Ereignis nun schon fast sechs Jahre zurückliegt, denke ich doch immer mal wieder darüber nach. Nicht, weil es mich noch groß beschäftigen würde, sondern einfach, weil es mich noch immer ratlos zurücklässt.

Ich war damals im Rahmen meines Studiums für sechs Monate in den USA. Da meine Mutter weder ein Smartphone besaß, noch sonstigen Internetzugang hatte, hatten wir uns im Vorfeld darauf geeinigt, dass wir uns Briefe schreiben. Ich liebe es Post zu bekommen und fand die Idee genial.

So hatten wir also einen Weg gefunden, wie wir kommunizieren konnten.

Der Vorteil war außerdem, dass es beim Briefeschreiben keine Zeitumstellung gab, was für jemanden, der sowieso unter chronischer Verspätung leidet ja wirklich eine Menge Druck aus der ganzen Sache nimmt.

Teuer war es auch nicht. Und man konnte sich seitenlange Briefe schreiben oder auch einen kurzen Gruß auf einem Kärtchen. Eigentlich optimal.

Der Nachteil war, dass es einfach nicht funktioniert hat.

Nachdem ich schon zwei Monate im Ausland war, hatte ich noch immer keinen Brief von meiner Mutter im Briefkasten.

Als wir dann doch mal skypen konnten, weil eine dritte Person ihren LapTop zur Verfügung gestellt hatte, war meine erste Frage an meine Mutter, ob sie denn schon Post abgeschickt hatte?

Sie blieb gelassen und versprach mir – face to face (in die Kamera) – dass sie den Brief vor WENIGEN TAGEN abgeschickt hätte.

So ganz überzeugt war ich nicht von der Sache. Aber sie hatte auch recht ruhig und normal gewirkt. Da wird sie mich ja wohl nicht einfach angelogen haben, oder?

Also nicht gleich skeptisch werden, erstmal abwarten, vielleicht flattert ja wirklich bald ein Brief ins Haus…

Aber nein, es kam nichts. Kein Brief, keine Karte, nichts.

Nochmal zwei Monate später telefonierten wir wieder für ein paar Minuten und wieder versprach sie mir, sie habe den Brief diesmal wirklich zur Post gebracht.

Und wieder kam NICHTS.

Irgendwann habe ich herausgefunden, dass ich mit meinem amerikanischen Handyvertrag eine halbe Stunde im Monat auf internationale Handynummern anrufen konnte, ohne dabei zusätzliche Kosten zu produzieren.

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, wie ich kurz nach Neujahr in meinem Zimmer auf meinem King size Bett saß, aus dem Fenster schaute und die Nummer meiner Mutter in mein gebrauchtes und geliehenes dunkelrotes Blackberry tippte.

Ich wollte nicht mit Altlasten ins neue Jahr starten und deshalb meiner Mutter einfach sagen, dass ich ihr Verhalten ziemlich unerfreulich und gemein fand. Das ich einfach enttäuscht war und verletzt. Dass ich es irgendwie nicht verstehe, und dass sie mir doch einfach hätte sagen können, dass sie es noch nicht geschafft hat, statt mich einfach monatelang warten zu lassen und mich dann auch noch anzulügen.

Ich erreichte sie beim ersten Anlauf und brach auch direkt in Tränen aus. An mehr kann ich mich gar nicht mehr so richtig erinnern. Ich glaube ich habe irgendwas von Enttäuschung gefaselt, von Vertrauen missbraucht und Verletzung.

Ich hatte Dampf abgelassen und meine Mutter hatte es – wie so oft – einfach über sich ergehen lassen.

Sie hatte verständnisvoll irgendetwas gemurmelt, aber so richtig verstanden hat sie mein Anliegen glaube ich nicht. Und trotzdem ging es mir nach dem Telefonat besser. Ich hatte mir quasi den Frust von der Seele geredet und an die Person abgegeben, die den Frust verursacht hatte.

Im Geiste hatte ich mich schon davon verabschiedet, dass jemals noch ein Brief kommen würde, schließlich ging es ja schon in sieben Wochen wieder nach Hause.

Aber DANN, kurz vor meiner Heimreise, kam ein wunderschöner Brief von meiner Mama im DIN A4 Umschlag. Mit einem Rezept für Kürbissuppe, einem Zeitungsartikel, einem mehrseitigen Bericht über Amerika und einem Gedicht, dass ich seit meiner frühen Kindheit kenne und tief in meinem Herzen trage (auf Englisch und auf Deutsch). Und noch ein paar Zeilen von ihr geschrieben, die mich sehr berührt haben.

„Na geht doch“, würde mein Vater jetzt sagen. Ja, wenn sie wirklich will, dann kann sie! Und überrascht uns alle!

Da war ich wirklich baff und hab mich gleichzeitig so schlecht gefühlt, dass ich wochenlang so einen Groll in mir getragen habe.

Aber nochmal kurz zurück zum eigentlichen Problem:

Wie auch schon im vorigen Beitrag erwähnt, verstehe ich bis heute nicht, warum sie mir in solchen Situationen nicht einfach sagen kann was los ist?!

Wenn ich sie schon direkt darauf anspreche, kann sie doch wenigstens zugeben, dass es keine Post geben wird. Statt mich wochen- und monatelang warten zu lassen.

Noch dazu kann sie in so einer Situation ja nur verlieren, denn wenn sie keinen Brief abschickt, wird bei mir auch keiner ankommen. Und auch wenn ich es nicht gleich merke, dann wird mir trotzdem irgendwann klar werden, dass kein Brief mehr kommt. Und dann hat sie nicht nur keinen Brief geschickt, sondern mich auch noch angelogen, was die Enttäuschung umso größer und verletzender macht.

Ich baue imaginäre Mauern auf und distanziere mich, um mich nicht weiter verwundbar zu machen. Ist doch total kontraproduktiv.

Wenn ich versuche mit ihr darüber zu sprechen, ihr meine Sicht der Dinge schildere, sage wie sauer und verletzt ich bin und sie Frage, warum sie nicht einfach Bescheid sagt und mich stattdessen lieber einfach anlügt, dann schaut sie mich einfach nur mit großen Augen an. Traurig und besorgt sieht sie dann oft aus, als dämmerte ihr, dass sie es vermasselt hat, aber wirklich erklären kann sie es nicht.

Es ist wie ein Fluchtmechanismus, der da bei ihr einsetzt. Für den Moment ist sie aus dem Schneider, aber die „kleine Notlüge“ ist ja am Ende doch wie ein Boomerang, der mit geballter Kraft zurück kommt und härter einschlägt, als wenn sie direkt die Karten auf den Tisch gelegt hätte.

Ich will ihr aber nicht die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Ich glaube ich kann sehr aufbrausend werden, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. Und dass sie sich das ersparen will, auch wenn ich vielleicht im Recht bin (oder gerade deshalb?), kann ich gut verstehen.

Ich muss also auch an mir arbeiten und könnte mir vornehmen, ihr in so einer Situation freundlicher zu begegnen und zu sagen: „Mama, kann es sein, dass du den Brief vielleicht noch gar nicht abgeschickt hast?“ Und vielleicht noch etwas zu ergänzen wie „Ist auch gar nicht schlimm.“

Auch wenn mir mein Instinkt sagt, dass es eigentlich nicht meine Aufgabe ist, ihr Fehlverhalten quasi schon mit einzuplanen, würde ich uns beiden doch vielleicht eine ganze Menge Frust und Energie sparen.

Das macht es meiner Mutter vielleicht leichter, ihr „Versagen“ zuzugeben, und ich rege mich gar nicht erst auf. Auch wenn ich wahrscheinlich trotzdem enttäuscht wäre.

Fehler zugeben ist nie einfach. Und fällt immer schwer.

Ich glaube wir Menschen sind einfach so gepolt, dass wir unsere Fehler nicht zugeben, Kritik nur schwer annehmen, besser austeilen als einstecken können und unsere schlechten Verhaltensweisen lieber vertuschen. Ist ja auch irgendwie verständlich aber auch total schade.

Denn niemand ist perfekt, wir alle machen Fehler und wir alle täten glaube ich viel besser daran, einfach direkt über die Dinge zu sprechen, die uns enttäuscht und verletzt haben, anstatt wütend alles in uns hineinzufressen, unseren Frust bei Menschen rauszulassen, die mit der ganzen Sache gar nichts zu tun haben oder als Empfänger der Kritik lieber alles unter den Teppich kehren und Kritik direkt abbügeln zu wollen.

Was wäre denn, wenn wir Kritik (wenn sie konstruktiv und in Liebe geäußert wird) genauso wie ein Kompliment einfach dankend annehmen könnten? Ohne harte Gefühle sondern in tiefer Dankbarkeit, dass der anderen Person etwas an uns liegt und sie uns darin unterstützen will, Fehlverhalten in Zukunft zu vermeiden?

Ich merke das immer wieder zu Hause, wenn ich morgens die Küche aufräume und dem Lieblingsmann fast täglich vorhalte, dass er seine Müslischale doch einfach direkt in die Spülmaschine räumen kann, statt sie auf dem Tisch stehen zu lassen.

Wenn ICH dann morgens im Stress bin und mir mein Mann mittags liebevoll beibringt, dass ICH ja heute meine Müslischale habe stehen lassen, dann gehe ich gleich in den Verteidigunsmodus! „Ja, ABER… ich war ja so im Stress, und der Mole, und und und.“ Besser wäre: „Ja, du hast Recht. Ich habs vergessen. Danke, dass du sie für mich weggeräumt hast.“

Wenn wir also lernen, kritikfähig zu werden und für unsere Fehler Verantwortung zu übernehmen, dann könnte ich meiner Mutter einfach sagen, dass ich verletzt bin, wenn sie sich nicht an Abmachungen hält und sie könnte sagen, dass sie das versteht, dass es ihr Leid tut, und dass sie mir aufgrund ihrer Krankheit aber leider nicht versprechen kann, dass sie es beim nächsten Mal besser hinkriegt.

Im Optimalfall könnte sie mir dann AUCH sagen, dass sie es blöd findet, dass ich immer so gereizt reagiere, dass ich es ihr damit nur schwerer mache, Dinge zuzugeben. Dass ich doch mittlerweile wissen müsste, dass sie eben ein Zeitproblem hat und ich deshalb versuchen sollte, dies zu akzeptieren, auch wenn es schwer fällt.

Dann würden wir uns idealerweise beide gehört und verstanden fühlen und könnten die Sache getrost hinter uns lassen.

Wenn wir das aber NICHT lernen, ist die Alternative ja doch leider oft, dass wir Menschen imaginäre Mauern bauen, auf Distanz gehen, uns zurückziehen, ignoranter werden, emotional abkühlen oder sogar Gleiches mit Gleichem vergelten.

Und damit ist ja auch niemandem geholfen.+++

2 Kommentare zu „Mit Verhaltensweisen umgehen (lernen) #2

  1. Hallo,
    Danke für den ehrlichen Artikel, er hat mich total angesprochen. Ich erkenne mich gut wieder in der Situation mit der Müslischale….passiert mir offt dass ich mich unnötig verteidige…doch ich arbeite daran:)
    Nochmals vielen Dank und herzliche Grüße

    Gefällt mir

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